Portraits / 2007–2011


Es ist die wohl spannungsvollste und legendenträchtigste Situation der künstlerischen Produktion: Die Arbeit am Portrait, in der die reale oder fiktive Begegnung des Künstlers mit einem anderen Menschen, sei es in einer intimen Portrait-Sitzung im Atelier (die wohl zu den meiststrapazierten Topoi der sich mit Künstlern beschäftigenden Literatur oder Filmen gehört) oder in anderweitiger intensiver Auseinandersetzung mit dem Porträtierten Anlass gibt zu Beziehungs-Spekulationen nicht nur der kunstwissenschaftlichen Art. Umso erfrischender, dass die österreichisch-deutsche Künstlerin Uli Aigner ihre Portraits, in denen sie viel mehr als nur die Künstler-Modell-Beziehung verhandelt, der klischee-beladenen psychologisierenden Interpretation des „gelungenen“ Portraits und seiner Entstehungssituation vollständig zu entziehen vermag.

Die Schaffung eines Portraits ist bei Aigner von Beginn an als subversiver, performativer Akt angelegt. Denn schon mit der konzeptuellen Ausformung der Beziehung, die dem Arbeitsprozess und dessen Ergebnis, dem konkreten Kunstwerk vorausgeht und ihn begleitet, unterläuft die Künstlerin das konventionelle Regelwerk des Kunstbetriebes. Die oftmals von ihr selbst initiierte Beauftragung durch ihre Modelle, deren Mitwirkung durch Lieferung von fotografischem Material und ein autonomer, von keinerlei Mitspracherecht, aber auch keinerlei Kaufverpflichtung des Auftraggebers beeinflusste eigentliche künstlerische Arbeitsprozess lässt jene Hierarchien, die einer üblichen Auftragssituation ebenso entspringen wie in ihr abgebildet werden, gar nicht erst zu. Ein Ideal-Modell größtmöglicher Freiheit entsteht.

Auch formal widersetzen sich Aigners Portraits der Konvention: Dort, wo sich in ihren oft großformatigen, mit Buntstiften gearbeiteten und zwischen Zeichnung und Malerei changierenden Papierarbeiten Personen und Raumsituationen durchdringen, Bildzitate auftauchen, dafür das Gesicht des Porträtierten gar nicht, geht es nicht um physische Ähnlichkeit mit dem Modell oder virtuose Charakterstudien. Aigners Arbeiten folgen hier rein formal-ästhetischen und dem handwerklichen Prozess geschuldeten Gesichtspunkten, die entstehenden Flächenmuster diskutieren den Bildgegenstand, erforschen die Wahrnehmung der Künstlerin, ohne dem Betrachter eine unter dessen Oberfläche liegende interpretatorische Ebene aufzudrängen.

Es sind nicht nur von außen kommende oder zu ihrem persönlichen und professionellen Umfeld gehörende Menschen, wie Künstler, Sammler, Kuratoren und Galeristen, sondern auch die Kunstproduktion und die Institutionen selbst, die Uli Aigner zum Gegenstand ihres Metadiskurses des Kulturbetriebes und seiner Konventionen macht. Als Künstlerin und Kuratorin ist Uli Aigner prädestiniert, jene Mechanismen und Formeln offenzulegen und kritisch zu diskutieren, welche die mächtige Deutungs- und Bedeutungsmaschinerie der Kunstwelt, ihre Protagonisten und ihren Markt bewegen. In der zusammen mit Filmemacher Michal Kosakowsi entwickelten Videoarbeit „Das neugierige Museum“, die für das Linzer Kunstmuseum Lentos entstanden ist und intensive und lange Gespräche mit AkteurInnen im Produktionsfeld der zeitgenössischen Kunst zu einer Studie aktueller Diskursformeln verdichtet, äußern sich diese Parameter sprachlich. Mit knappen Worten hingegen kommt der „Kalender für 14 Jahre“ aus, mit dem Uli Aigner uns pro Jahr die Beschäftigung mit einer bestimmten Künstlerin oder einem Künstler ans Herz legt.

Und ganz gleich, wie auch immer geartet die Beziehungen innerhalb des Kulturbetriebes sein mögen: Das Ideal bleibt die fruchtbare, gegenseitige Inspiration – ein Ideal, das Uli Aigner in Leben und Werk zu verwirklichen sucht.

Dagmar Schott